Silkes Denkraum

Antwort an Herrn Martenstein

Lieber Herr Martenstein,

nun bin ich also „Teil des Problems“. Immerhin sind wir uns damit einig, dass wir eines haben. 😄

Sehr gefreut habe ich mich über Ihren Meerschweinchenkäfig. Allerdings sind Meerschweinchen ziemlich schreckhafte Tiere und für den Trubel einer Schule eher mäßig begeistert. An meiner früheren Schule hatten wir deshalb unter anderem Hühner und Schulhunde.

Und ja: Die Kinder haben dort trotzdem lesen, schreiben und rechnen gelernt. Verrückt, oder? Wir haben weder das Einmaleins gegen Hühnerfüttern getauscht noch Rechtschreibung durch Hundestreicheln ersetzt. Es gab Leistung, Anforderungen, Üben und Frust. Gleichzeitig lernten Kinder Verantwortung: füttern, saubermachen, zuverlässig sein, auch wenn sie keine Lust hatten. Anstrengungsbereitschaft mit Federn sozusagen.

Apropos Beziehungsarbeit: Sie wollten selbst einmal Lehrer werden. Ihren eigenen Erzählungen zufolge verlief dieser Ausflug vor eine Schulklasse mit fliegenden Stühlen und zeitweisem Schutz hinter dem Pult wohl nicht völlig reibungslos. Vielleicht hätten wir damals schon einmal über Beziehung, Klassenführung und Hühner sprechen sollen. 😄

 

Inhaltlich streiten wir aber ernsthaft. Ich will weder Lesen, Schreiben und Rechnen abschaffen noch Leistung durch Wohlfühlpädagogik ersetzen. Kinder müssen verdammt gut lesen, schreiben und rechnen lernen. Sie sollen sich anstrengen, üben, scheitern, wieder aufstehen und erleben, was sie können.

PISA zeigt gerade erneut, wie dringend das ist. Natürlich tragen Eltern Verantwortung. Aber Kinder suchen sich ihr Elternhaus nicht aus. Manche wachsen mit Büchern, Zeit und Unterstützung auf, andere in Armut oder Wohlstandsverwahrlosung. Am nächsten Morgen sitzen sie alle in unseren Klassenzimmern. Schule kann kein Elternhaus ersetzen. Aber sie kann verdammt viel dafür tun, dass Herkunft nicht über Zukunft entscheidet.

Genau deshalb arbeite ich seit Monaten an einem Bildungsstaatsvertrag: verbindliche Mindeststandards, Fördergarantie, Ressourcen nach Bedarf, mehr Freiheit für Schulen, zeitgemäße Leistungsbewertung, Medien- und KI-Bildung und bessere Bedingungen für Lehrer.

Wenn ein Kind nicht ausreichend lesen, schreiben oder rechnen kann, darf die Antwort nicht lauten: Pech gehabt. Elternhaus. Falsche Schule. Falsches Bundesland. Dann muss Förderung folgen. Und wenn das Bildungssystem seine Ziele verfehlt, muss ebenfalls etwas folgen.

Bei der Medienbildung widerspreche ich Ihnen deshalb besonders. Medienbildung ab Klasse 1 heißt nicht TikTok statt Einmaleins. Gerade im KI-Zeitalter müssen Kinder vielleicht besser lesen lernen als jemals zuvor.

Lesen heißt heute auch: verstehen, einordnen, hinterfragen, Quellen prüfen, Widersprüche erkennen. KI kann in Sekunden Texte, Bilder und Stimmen erzeugen, die vollkommen überzeugend wirken und trotzdem falsch sein können. Wer nicht wirklich lesen, verstehen und kritisch denken kann, ist dem ziemlich hilflos ausgeliefert.

Medienbildung heißt deshalb auch: besser lesen. Tiefer lesen. Kritischer lesen.

Das Netz wartet nicht, bis der Lehrplan so weit ist. Und die KI erst recht nicht.

Auch beim „Bildungsförderalismus“, wie Sie ihn so hübsch nennen, müssen wir reden. Ich vermute, Sie meinen Bildungsföderalismus. Vielleicht war das aber auch schon Ihr erster Reformvorschlag: mehr Förderung im Föderalismus. Da wäre ich dabei.

Denn wir haben 16 Kultusministerien, gemeinsame Standards, wissenschaftliche Beratung, Vergleichsstudien und jede Menge Koordination. Wir wissen viel, beraten viel, messen viel. Nur wenn die Ergebnisse schlecht sind, wird es kompliziert mit der Frage: Wer verändert jetzt eigentlich was – und bis wann?

Genau da setzt mein Staatsvertrag an: Mehr gemeinsames Fundament oben. Mehr Freiheit unten.

Und eine klare Kette:

Versprechen. Mindeststandard. Ressourcen. Umsetzung. Messung. Konsequenz.

Sie argumentieren viel mit dem, was Schule einmal war. Mich treibt um, was Schule heute sein muss, damit Kinder morgen klarkommen.

Und weil ein wenig Herz-Kreislauf-Training gesund sein soll, noch etwas für Ihren Puls, Herr Martenstein: Ich möchte Bildung auch aus der Logik politischer Legislaturperioden herausholen.

Nicht aus der Demokratie. Aber ich will eine Bildungsstrategie über 15 Jahre, deren grundlegende Ziele nicht nach jeder Landtagswahl wieder umgebaut werden. Denn während wir wählen, Koalitionen bilden, Minister austauschen und Reformen neu erfinden, wird aus einem Viertklässler ziemlich schnell ein Achtklässler.

Kinder haben keine Legislaturperioden.

Sie setzen in Ihrer Argumentation sehr stark auf Bewährtes. Das ist nicht automatisch falsch. Vieles davon müssen wir sogar bewahren. Nur verschwindet das Neue nicht dadurch, dass wir das Alte besonders innig umarmen.

Falls Sie noch Lust auf Lektüre haben, schicke ich Ihnen gern mein Buch „Schule gegen Kinder“. Vielleicht finden Sie darin sogar Stellen, bei denen wir uns einig sind. Für diese kleine öffentliche Auseinandersetzung wäre das natürlich ausgesprochen unpraktisch.

Und falls Ihr Puls inzwischen seinen empfohlenen Trainingsbereich verlassen hat: Gönnen Sie sich eine Pause. Vielleicht bei einem Meerschweinchen.

Allerdings bitte im ruhigen Privathaushalt. 😄

Ihre
Silke Müller

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