Ich habe 2023 bei Markus Lanz gesagt: „Wir sind in einer absoluten Bildungskatastrophe angekommen.“ Damals saß mir Karin Prien gegenüber, heute Bundesbildungsministerin. Mir wurde widersprochen. Ich würde unser Bildungssystem zu schlechtreden, die Situation zu negativ darstellen, der Begriff Bildungskatastrophe sei zu groß. Ich hätte wirklich gerne unrecht gehabt.
Drei Jahre später ist PISA 2025 da, und Deutschland erreicht die niedrigsten Werte, die für uns seit Beginn der PISA-Erhebungen gemessen wurden: 465 Punkte im Lesen, 464 in Mathematik und 486 in den Naturwissenschaften. Gegenüber 2022 haben wir im Lesen noch einmal 15 Punkte verloren, in Mathematik weitere elf. Der Rückgang in den Naturwissenschaften um sechs Punkte ist statistisch nicht signifikant, trotzdem stehen wir auch dort auf dem niedrigsten gemessenen Wert.
Ich weiß deshalb nicht, welches Wort wir jetzt noch suchen wollen. Wir sind in einer Bildungskatastrophe. Und bevor wir uns damit beruhigen, dass auch der OECD-Durchschnitt gefallen ist und Deutschland mit seinen absoluten Werten ungefähr im OECD-Mittelfeld liegt: Mich beruhigt das keinen Millimeter. Es geht um unsere Kinder und darum, was sie können müssen, wenn sie in wenigen Jahren Verantwortung für ihr eigenes Leben, für unsere Wirtschaft, unsere Demokratie und irgendwann für dieses Land übernehmen.
Jeder Dritte. Man muss sich diese Zahl wirklich einmal vorstellen.
34 Prozent unserer 15-Jährigen erreichen in Mathematik nicht das Mindestniveau, beim Lesen sind es 32 Prozent und in den Naturwissenschaften 27 Prozent. Rund ein Fünftel unserer Jugendlichen erreicht sogar in allen drei Bereichen gleichzeitig keine ausreichenden Basiskompetenzen. Diese Zahlen sind für mich viel wichtiger als die Frage, auf welchem Platz Deutschland in irgendeiner internationalen Tabelle steht.
Denn hinter diesen Prozentzahlen sitzen Jugendliche. Beim Lesen bedeutet das grundlegende Niveau beispielsweise, die Hauptaussage eines mittellangen Textes zu erfassen und bestimmte Informationen darin finden zu können. In Mathematik geht es darum, einfache Situationen mathematisch zu erfassen und anzuwenden. Wir reden also nicht über irgendwelche akademischen Spitzenleistungen, sondern über Grundlagen, die junge Menschen brauchen, um ihr Leben selbstständig gestalten zu können.
Diese Jugendlichen sollen bald einen Ausbildungsvertrag verstehen, ihre Finanzen regeln, Nachrichten lesen und einordnen, Statistiken verstehen, Versicherungen abschließen, wählen gehen, Entscheidungen treffen, mit künstlicher Intelligenz arbeiten und sich in einer Welt zurechtfinden, die vermutlich komplizierter sein wird als alles, was wir Erwachsenen in diesem Alter bewältigen mussten. Gleichzeitig reden wir in Deutschland täglich über Fachkräftemangel, künstliche Intelligenz, Transformation, Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und die Zukunft unseres Wirtschaftsstandortes. Wie genau stellen wir uns eigentlich vor, dass das zusammengeht, wenn ein Drittel unserer 15-Jährigen grundlegende Anforderungen beim Lesen oder in Mathematik nicht erreicht?
Wir verlieren Jahre – und reden immer noch über Nachholeffekte
Eine Aussage des wissenschaftlichen Leiters der deutschen PISA-Studie, Samuel Greiff, finde ich fast noch brutaler als die Prozentzahlen. 20 bis 30 PISA-Punkte entsprechen ungefähr einem Lernjahr. Mit Blick auf den langfristigen Rückgang in den Naturwissenschaften beschreibt er die Größenordnung deshalb sinngemäß so: Das Leistungsniveau, das Jugendliche heute mit 15 Jahren erreichen, wurde vor zehn Jahren ungefähr mit 13 erreicht.
Natürlich hat Corona Spuren hinterlassen. Aber irgendwann können wir nicht mehr jede schlechte Entwicklung mit der Pandemie erklären. Der Abwärtstrend ist älter. Corona hat weder den Bildungsföderalismus erfunden noch unsere Bürokratie, die Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom Elternhaus, den Lehrkräftemangel oder die bemerkenswerte deutsche Fähigkeit, nach jeder neuen Bildungsstudie überrascht festzustellen, dass wir dringend etwas verändern müssten.
Besonders bitter ist, wen unser System zurücklässt
In Deutschland liegen zwischen sozioökonomisch begünstigten und benachteiligten Jugendlichen in den Naturwissenschaften durchschnittlich 125 PISA-Punkte, im OECD-Durchschnitt sind es 85. Noch bitterer finde ich, dass diese Lücke bei uns zwischen 2015 und 2025 größer geworden ist, während sie im OECD-Durchschnitt kleiner wurde. Der soziale Status erklärt in Deutschland 19 Prozent der Leistungsunterschiede, im OECD-Durchschnitt sind es zwölf Prozent.
Darüber sollten wir länger sprechen als über irgendeinen Ranglistenplatz, denn dahinter steckt eine für ein wohlhabendes Land beschämende Wahrheit: Es macht in Deutschland noch immer einen gewaltigen Unterschied, in welche Familie ein Kind hineingeboren wird. Kinder suchen sich weder Einkommen und Bildungsabschluss ihrer Eltern noch die Bücher im Wohnzimmer, die zu Hause gesprochene Sprache, die Zeit für Unterstützung oder ihre Postleitzahl aus. Ein Bildungssystem müsste Unterschiede in den Startbedingungen so gut wie möglich ausgleichen. Unseres schafft das offensichtlich nicht ausreichend, teilweise werden die Unterschiede sogar größer. Und dann sollten wir uns schon fragen, was wir eigentlich meinen, wenn wir in politischen Sonntagsreden von Chancengerechtigkeit sprechen.
Ein Drittel hält Schule für Zeitverschwendung
Diese Zahl hat mich nach 23 Jahren in Schule fast persönlich getroffen: 33 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland stimmen der Aussage zu, Schule sei Zeitverschwendung. Im OECD-Durchschnitt sind es 24 Prozent, und seit 2022 ist der Anteil bei uns noch einmal gestiegen.
Ich kenne fantastische Schulen und Lehrer, die für Kinder Dinge möglich machen, die in keiner Statistik auftauchen. Menschen, die morgens früher kommen, abends noch telefonieren, Eltern auffangen und ein Kind nicht aufgeben, obwohl es selbst längst aufgegeben hat. Genau über diese Menschen schreibe ich auch in „Schule gegen Kinder“. Meine Kritik richtet sich deshalb ausdrücklich nicht gegen Lehrer. Im Gegenteil: Ich finde es fast zynisch, immer neue Erwartungen auf Schulen und Lehrkräfte zu laden und gleichzeitig die Strukturen nicht grundsätzlich zu verändern.
Wenn ein Drittel unserer Jugendlichen Schule als Zeitverschwendung erlebt, sollten wir nicht beleidigt reagieren, sondern zuhören. Wir sollten uns fragen, wie häufig Kinder in Schule tatsächlich Selbstwirksamkeit erleben, wie viel Zeit Lehrern noch für Beziehung bleibt und wie viel unseres Schulalltags wirklich dem Lernen dient oder aus Organisation, Prüfung, Verwaltung und dem Abarbeiten von Vorgaben besteht, die teilweise aus einer völlig anderen Welt stammen.
Und mitten hinein kommt KI mit voller Wucht
PISA 2025 liefert für mich als Digitalbotschafterin noch eine weitere wichtige Zahl: Die Hälfte der 15-Jährigen in Deutschland nutzt mindestens einmal pro Woche KI-Chatbots zum Lernen. Jeweils 36 Prozent nutzen KI zum Zusammenfassen und zum Entwerfen von Texten für Hausaufgaben. Die OECD weist gleichzeitig darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen KI-Nutzung und Leistung komplex ist. Besonders interessant ist aber, dass Lerngelegenheiten zum Aufbau von KI-Kompetenz einen Unterschied machen können – und dass solche Möglichkeiten wiederum sozial privilegierten Jugendlichen häufiger zur Verfügung stehen.
Das ist für mich der nächste Weckruf, denn wir können KI nicht aus Schule heraushalten. Sie ist längst da. Kinder nutzen sie längst. Die entscheidende Aufgabe besteht deshalb darin, ihnen beizubringen, damit klug, kritisch und verantwortungsvoll umzugehen. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Maschinen innerhalb von Sekunden Texte schreiben, Informationen zusammenstellen und vermeintliche Antworten auf nahezu jede Frage liefern, werden Lesen, Verstehen, Wissen, Hinterfragen und Urteilen wichtiger und nicht unwichtiger. Wer nicht versteht, kann nicht überprüfen. Wer nicht gut lesen kann, kann Quellen nicht vernünftig gegeneinander abwägen. Wer Mathematik nicht versteht, kann Zahlen und Statistiken schlechter einordnen. Wer kein solides eigenes Wissen besitzt, erkennt schwerer, wann eine KI überzeugend formulierten Unsinn produziert.
Wir brauchen deshalb nicht weniger Bildung, weil KI uns immer mehr Arbeit abnimmt. Wir brauchen eine verdammt gute Bildung, weil sie es tut.
Wir haben kein Erkenntnisproblem. Wir haben ein Umsetzungsproblem.
Das ist der Punkt, an dem mich die aktuelle Debatte tatsächlich wütend macht. Nicht wegen der Studie, sondern weil ich ziemlich genau weiß, was jetzt passieren wird. Wir werden hören, die Ergebnisse müssten ein Weckruf sein. Politiker werden Betroffenheit äußern, es wird Forderungen, Gipfel, Arbeitsgruppen, Förderprogramme, Modellprojekte und neue Strategiepapiere geben. Nur frage ich mich inzwischen: Wie oft wollen wir eigentlich noch geweckt werden?
PISA 2000 war der große Schock. Danach hat Deutschland sogar gezeigt, dass Veränderung möglich ist. Seit ungefähr zehn Jahren geht die Entwicklung wieder in die falsche Richtung. Wir kennen den Lehrkräftemangel, die Probleme der frühkindlichen Bildung, die Bedeutung von Sprache, die soziale Bildungsungleichheit, die Belastung von Schulleitungen, die fehlenden multiprofessionellen Teams und die Defizite bei Digitalisierung und Medienbildung. Wir wissen, dass Schulen mehr Freiheit brauchen und dass Förderprogramme, die nach wenigen Jahren auslaufen, keine nachhaltigen Strukturen ersetzen. Es fehlt uns nicht an Studien, Expertenrunden oder Erkenntnissen.
Wir haben kein Erkenntnisproblem. Wir haben ein verdammtes Umsetzungsproblem.
Deshalb will ich an die Struktur
Ich habe lange genug in Schule gearbeitet, um zu wissen, dass man nicht jedes Problem dem Föderalismus in die Schuhe schieben kann. Personalmangel verschwindet nicht, nur weil Zuständigkeiten verändert werden, und eine schlechte Unterrichtsstunde wird nicht automatisch besser, weil eine Behörde anders organisiert ist. Gleichzeitig bin ich inzwischen fest davon überzeugt, dass wir vom toten Pferd Bildungsföderalismus absteigen müssen, weil dieses System zu viele unserer Probleme verstärkt, Veränderungen verlangsamt und Verantwortlichkeiten verteilt.
Ich möchte einen verbindlichen Bildungsstaatsvertrag, der langfristig festlegt, was jedes Kind in Deutschland von seinem Bildungssystem erwarten darf. Dazu gehören:
- Gemeinsame und überprüfbare Mindeststandards
- Vergleichbare Bildungsziele und Abschlüsse
- Verbindliche Standards bei Lehrerbildung, Medien- und KI-Kompetenz
- Dauerhaft finanzierte Unterstützungssysteme
Ich möchte keine Schulen vom Fließband. Eine Schule im Oldenburger Münsterland darf und muss anders arbeiten können als eine Schule in Berlin-Neukölln. Regionen, Kinder und Herausforderungen sind unterschiedlich. Gerade deshalb wünsche ich mir sogar mehr Freiheit vor Ort, aber eben auf einem gemeinsamen, verbindlichen Fundament.
Das Prinzip dahinter ist eigentlich ziemlich einfach: Bei den großen Zielen bundesweit verbindlich, in der konkreten Umsetzung vor Ort so frei wie möglich.
Kinder haben keine Legislaturperioden
Damit allein ist es für mich allerdings nicht getan. Bildung muss auch raus aus der Logik politischer Legislaturperioden und ein gutes Stück weit aus unmittelbarer ministerieller Weisung. Eine Regierung kommt, eine andere geht, Minister wechseln, Schwerpunkte verändern sich, Programme werden aufgelegt, andere laufen aus und neue politische Duftmarken werden gesetzt. Während wir Erwachsenen dieses Spiel spielen, wird ein Kind eingeschult, wechselt vier Jahre später auf eine weiterführende Schule und verlässt einige Jahre danach unser Bildungssystem.
Kinder haben keine Legislaturperioden. Sie haben genau eine Bildungsbiografie.
Deshalb fordere ich einen unabhängigen Bildungsrat mit echter Gestaltungskraft, in dem Wissenschaft und Schulpraxis ebenso vertreten sind wie Recht, Eltern, junge Menschen, Zukunftsforschung, Wirtschaft und Gesellschaft. Nicht als weiterer netter Beirat, der ein hundertseitiges Empfehlungspapier produziert, sondern als dauerhaftes Gremium, das langfristige Ziele mitentwickelt, deren Umsetzung begleitet, Ergebnisse überprüft und öffentlich sichtbar nachsteuert. Politik bleibt selbstverständlich demokratisch verantwortlich, Parlamente beschließen Gesetze und Haushalte. Aber die langfristige Entwicklung unseres Bildungssystems muss ein gutes Stück weit raus aus dem Reflex, nach jedem Regierungswechsel wieder neue Prioritäten setzen zu wollen.
Natürlich bedeutet das auch, dass Machtpositionen verloren gehen, Zuständigkeiten verändert werden und sich Kultusverwaltungen grundlegend neu erfinden müssten. Dazu kann ich nur sagen: Na und? Seit wann ist der Erhalt bestehender Zuständigkeiten wichtiger als die Zukunft unserer Kinder?
Vielleicht erscheint das heute politisch unrealistisch. Ich halte das für ein ziemlich schwaches Argument, wenn die Alternative darin besteht, ein nachweislich immer schlechter funktionierendes System weiterzuführen. Verfassungsrecht, Länderhoheit, politische Mehrheiten und Zuständigkeiten sind ernst zu nehmende Fragen. Sie dürfen aber nicht zum ewigen Alibi dafür werden, dass wir unsere Vorstellung von bestmöglicher Bildung immer nur daran ausrichten, was innerhalb bestehender Strukturen gerade bequem machbar ist. Veränderungen beginnen mit einer Vorstellung davon, wie es besser sein könnte. Danach kann und muss man darüber streiten, wie man dorthin kommt.
Beim nächsten PISA will ich, dass wir durch die Decke gehen
Ich möchte beim nächsten PISA nicht wieder hier sitzen und einen Artikel darüber schreiben, dass Deutschland einen neuen Tiefstand erreicht hat. Ich möchte auch nicht hören, wir hätten den Abwärtstrend „stabilisiert“ oder seien in einzelnen Bereichen wieder ein paar Punkte besser geworden. Warum sind wir bei Bildung eigentlich so bescheiden geworden? Warum wollen wir nicht richtig gut sein?
Ich will, dass unsere Kinder hervorragend lesen und rechnen können, Naturwissenschaften verstehen, schreiben, argumentieren, hinterfragen und Zusammenhänge erkennen. Ich möchte, dass sie KI nutzen können, ohne ihr Denken an sie abzugeben, dass sie wissen, wie Demokratie funktioniert, mit Geld umgehen können, einen Konflikt austragen, Verantwortung übernehmen, scheitern und wieder aufstehen können. Ich will, dass ein Kind aus einer armen Familie dieselbe verdammte Chance bekommt, seine Fähigkeiten zu entfalten, wie ein Kind, das mit allen Privilegien dieser Welt startet. Und ich möchte eine Schule, in der nicht ein Drittel der 15-Jährigen das Gefühl hat, seine Zeit zu verschwenden.
Das halte ich nicht für eine Utopie, sondern für einen ziemlich angemessenen Anspruch eines der reichsten, technologisch leistungsfähigsten und wirtschaftlich stärksten Länder der Welt an sich selbst. Wir haben großartige Lehrer und engagierte Schulleitungen. Wir haben Wissenschaft, Unternehmen, Eltern, junge Menschen und eine Zivilgesellschaft, in der unglaublich viele längst verstanden haben, dass etwas passieren muss. Wir haben Wissen, Erfahrung, Ideen und auch das Geld. Was uns fehlt, ist der Mut, die Struktur wirklich anzufassen.
PISA 2025 bestätigt für mich deshalb nicht nur die Bildungskatastrophe, von der ich 2023 gesprochen habe. Die Ergebnisse zeigen etwas, das ich fast noch schlimmer finde: Wir haben viel zu lange gewusst, dass es so nicht weitergehen kann, und trotzdem nicht konsequent genug gehandelt.
Damit sollten wir jetzt aufhören. Nicht nach der nächsten Wahl und nicht nach dem nächsten PISA. Denn während wir Erwachsenen noch darüber diskutieren, wer zuständig ist, sitzt irgendwo ein Kind in einem Klassenzimmer. Und seine Bildungsbiografie läuft längst.